Ziegen vorm Traualpsee

Top 5 Tiroler Klischees

Selbst wenn du noch nicht im „heiligen Land“ warst, wirst du sicher schon einige der  Tiroler Klischees über das berüchtigste Bergvolk der Alpen gehört haben. Damit du auf deinem Urlaubstrip nicht in diese, sich orts- und volksunkundigen Touristen geradezu anbietenden Fettnäpfchen trittst, haben wir hier mit den prominentesten Vertretern des Tiroler Stereotyps abgerechnet und deren Geschichte aufgedeckt.

Tiroler Klischees #1: Der Sturschädel

Es wird gemunkelt, dass mit einem Tiroler zu streiten etwa so zielführend sei, wie Kopf voraus in die Martinswand zu rennen. Nun, es ist stimmt: Das Tiroler Volk ist ein hartes, stures Volk. Schließlich sind die Berge auch nicht weich, und wer nachgibt, der hat verloren. Durch intensive Streitgespräche und hemmungsloses Beharren auf die eigene Ansicht schulen sich Tiroler und Tirolerinnen gegenseitig, um den Bergen mit angemessener Widerstandsfähigkeit die Stirn bieten zu können. Da das Herz der Alpen mit seinen majestätischen Gipfeln oft auch unvorbereitete Gäste in seinen Bann zieht, zeigen sich die Einheimischen solidarisch und versuchen, ihr Gegenüber durch am Stammtisch ausgetragene Wortgefechte aus der Reserve zu locken. Dieser anfangs etwas einschüchternd wirkende Crash-Kurs für Gebirgsfrischlinge ist also in Wahrheit nur ein Ausdruck der Menschenliebe des Tiroler Herzens.

Lienz Dolomiten

Die Dolomiten in Lienz © LoraLimette

 

Tiroler Klischees #2: Die Kehlkopf-Kracherei

Der vermeintliche Eindruck von Sturheit und Herzenskälte steht sicherlich auch in Verbindung mit der markanten Phonetik der Tiroler Mundart. Auf ungeübte Ohren klingt es tatsächlich so, als würde der Tiroler Kehlkopf jedes Wort vor dem Sprechakt durch den Fleischwolf drehen und anschließend mit Kieselsteinen verdünnen. Wie der Begriff ‚MundART‘ jedoch schon vermuten lässt, verbirgt sich dahinter jedoch ein wahres Kunstwerk der Dialektologie. Um die Kommunikation untereinander zu erleichtern, zerbröckeln Tirolerinnen und Tiroler schon seit Jahrhunderten jedes Wort auf die essentiellen Bestandteile und kompensieren dadurch die Mängel der deutschen Standardsprache. Dieses Entgegenkommen untereinander äußert sich in der rauen, aber unterhaltsamen Sprachmelodie, die diverse Touristen oft zum Stutzen bringt. Mach dir also keine Sorgen, wenn du das nächste Mal beim Wandern auf zwei Einheimische triffst und ein kräftiges „Harschtigati, da firi mias ma, Gschodata!“ aufschnappst. Dabei handelt es sich um eine liebevolle Richtungsangabe unter Freunden.

Speibsackerl

Ein Beispiel für die Ästhetik des Tiroler Volksmunds © Raphael Kirchner

Tiroler Klischees #3: Gipfelkreuzjagd als Nationalsport

Laut diesem Klischee verspüren Tirolerinnen und Tiroler durchgehend einen unwiderstehlichen Drang, Höhenmeter zurückzulegen. Ein echter Tiroler steigt morgens aus dem Bett, verspeist einen Frühstücksknödel und schon saust da dieses Kribbeln durch seine Waden, das ihn auf den nächsten Gipfel treibt. Erst dort, mit einer frischen Brise Bergluft im Gesicht und nach drei bis vier herzhaften Jodelrufen in Talrichtung findet der Tiroler endlich seine Mitte und kann die restlichen Aufgaben des Tages bewältigen. Neugeborene Säuglinge werden beim Tiroler Bundesheer schon automatisch für die Ausbildung zum Gebirgsjäger vorgemerkt, denn egal, was dieses Kind einmal werden will – es wird auf jeden Fall mit brennenden Beinen Gipfelkreuze jagend durch Berglandschaften schreiten wollen, sonst wäre es nicht Tiroler geworden. Nun, die Wahrheit sieht etwas anders aus: Tirolerinnen und Tiroler kommen in allen Farben und Formen – manche gehen gerne wandern, andere wieder nicht. Stolz sind sie aber alle auf das Bergpanorama vor der Haustür. So einfach ist das.

Das Gletscher Chalet im Stubaital

Das Gletscher Chalet im Stubaital. Nur ein Beispiel dafür, dass es in Tirol auch mit Gemütlichkeit zugehen kann. © Gletscher Chalet

Tiroler Klischees #4: Andreas Hofer

Jedem Tiroler scheint eine angeborene Zuneigung zu Andreas Hofer eingepflanzt zu sein. Verständlich, immerhin ist Andreas Hofer nicht nur irgendein Tiroler, er ist das Alpen-Pendant zu Superman und französische Gewehrkugeln sind das einzig wahre Kryptonit. Jede Tirolerin würde am liebsten Andreas Hofer zum Mann nehmen, wenn sie nur könnte – denn was ist männlicher, als des Nachts über Berge zu springen und feindliche Bastionen ausfindig zu machen?
Naja, eigentlich ziemlich viel. Nicht mehr bei Mama wohnen, zum Beispiel. Die harte Wahrheit sieht folgendermaßen aus: Zwar wird der durchschnittliche Tiroler stutzen, wenn jemandem der Tiroler Freiheitskämpfer nicht bekannt ist – nichtsdestotrotz ist Liebe zu Andreas Hofer kein zwingendes Kriterium zum Leben als „waschechter Tiroler“ und verfluchen wird dich auch niemand, wenn du seinen Geburtstag nicht kennst.

Andreas Hofer Kupferstich

Kupferstich von Andreas Hofer aus dem 19. Jh. © Ernst Ludwig Riepenhausen

Tiroler Klischees #5: Dirdnl & Lederhosen

Der Mythos allseits präsenter Trachtenkleidung ist glücklicherweise einer, der sich schon kurz nach der Anreise als Täuschung erkenntlich gibt. Tiroler und Tirolerinnen tragen überwiegend normale Kleidung, beispielsweise T-Shirts, Hosen und meistens sogar Unterwäsche. Zu den traditionellen, oft regional unterschiedlichen Trachten zählen bei den Männern Lederhose, Stutzen & Hut, für Frauen gibt es Dirndln in allen Farben und Variationen. Die Tracht wird vor allem bei Dorffesten und -bällen getragen und erfreut sich dort großer Beliebtheit. Anlässlich eines gemütlichen Fernsehnachmittags auf der Couch werden sich Tiroler und Tirolerinnen jedoch trotzdem lieber für Jogginghose und Kuschelpulli entscheiden (und natürlich auch auf den Gipfelsturm verzichten).

Salon Tiroler - Franz von Defregger - 1916

Die „Salon Tiroler“, gemalt von Franz von Defregger (1916)

Zum Schluss: Grias di und Pfiati!

Teils wurden hier natürlich auch eigene Vermutungen zur Entstehung der hier aufgelisteten Tiroler Klischees angestellt – was wirklich dahinter steckt, erfährst du natürlich am besten, indem du dich einfach auf eigene Faust unters (Tiroler) Volk mischst. Ist auch nicht gefährlich, versprochen. Und falls du allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz doch einem unangenehmen Zeitgenossen begegnen solltest, lass es einfach gut sein und verabschiede dich mit einem herzhaften „Pfiati!“.

Matthias

Matthias

Hi! Zur Zeit studiere ich Deutsch und Geographie auf Lehramt an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck. In meiner Freizeit schreibe ich viel – alles mögliche, von Kurzgeschichten über Poetry-Slams bis hin zu Lyrik – und verbringe gern Zeit in der Natur. Ich leite auch eine kleine Pfadfindergruppe in Hall.

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR